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  • Ulrich Texter

Reset des Einzelhandels?

Der Einzelhandel sieht rot. Der HDE schlägt Alarm. Alles fehlt. Frequenz, Umsatz, Kunden, staatliche Nothilfen, überhaupt alles. Wirklich alles und jedem? Immerhin zählte der Einzelhandel mit einem realen Plus von 0,8% zu den Gewinnern im ersten Halbjahr. Wer leidet also? Innenstadthändler!, sagt de HDE. Und hofft, dass es ein Zurück gibt. Damit steht er nicht allein da. Also wann wird es endlich wieder normal? Oder wir. Vertrackte Sache. Etwas Hoffnung kommt inzwischen aus Mainz. Was aber, wenn Corona nicht ursächlich für die Verwerfungen ist, sondern nur ein Beschleuniger?


Es scheint, dass nicht nur die Digitalisierung ganze Branchen umkrempelt, sondern auch die COVID-Pandemie den Handel. Wes­halb auch das World Economic Forum, bisher nicht bekannt für kapitalismuskritische Analysen oder Trendsetter sozio-ökomimischer Debatten, einen „Great Reset“ für die Wirtschaft fordert. Weil wir uns an einem historischen Scheideweg be­fänden. So Davos. So, so. Hätte auch von Greta stam­men können. Die war ja auch schon dort in den Bergen. Accenture sieht bereits ein „Jahrzehnt des Zuhauses“ herauf­ziehen. Klingt irgendwie vertraut. Hatten wir nicht schon in den 80er Jahren einen Trend zum Einigeln, zum Cocooning? Hat uns aber nicht abge­halten, die Sau rauszulassen, wenn ich nur an die schrägen Klamotten und Frisuren denke. Wir haben „Popper“, „Fitness-Hyster­ie“ und grenzdebile Songs wie „Da Da Da“ und „99 Luftballons“ mit Mühe überlebt. Jetzt soll es aber endgültig ernst werden. Ist ja klar, mit COVID kann man nicht verhandeln. Accenture glaubt jeden­falls, Corona würde Einzelhändler und Konsumgüter­unter­nehm­en dazu zwingen, ihre Produkte auf die neuen Bedürfnisse der Konsumenten anzupassen. Mehr „regionale Ex­perience“ bieten, so in etwa, mehr maßgeschneiderte Produkte sowieso. Also neues Bio. Kommt einem aber auch irgendwie vertraut vor. Macht nix, Heimat und Regionalität geht immer.


Das Zuhause würde jedenfalls die neue Grenze, zum Arbeitsplatz und Schulzimmer, zum Ort, an dem man neue Hobbys ausprobieren kann, ein Ort der Geselligkeit und zu einem sicheren Zufluchtsort. Meine Güte, die arme Touri-Branche! Immerhin hat die Anzahl der Online-Einkäufe durch seltene E-Commerce-Benutzer - d. h. diejenigen, die vor dem Ausbruch weniger als 25% der Einkäufe über Online-Kanäle getätigt haben – seit dem Ausbruch um 170% zugenommen. Ich kann dem durchaus was abgewinnen. Vielleicht erspart uns das zu­künftig städtebauliche Sündenfälle wie das Shopping-Center Alexa am Berliner Alexanderplatz, das aus einem öden endgültig einen hässlichen Platz machte. Vielleicht kommt es gar nicht so dicke, trotz „Cocooning Reloaded“, dem Trend zum Homeoffice und dem anhaltenden Unbehagen, sich im öffentlichen Raum aufzuhalten. Vielleicht entscheiden zukünftig nur die Bürger, wie ihre Städte aussehen sollen, nicht Projektentwickler, die aus Städten gigantische Shoppingmaschinen gemacht haben. Das kann man mögen oder nicht. Vor 20 oder 25 Jahren prophezeiten die digitalen Evangelisten „Cybersex“ als die Zukunft. Kam auch nicht so dicke. Ich wette, 99 % lieben es nach wie vor auf die altmodische Art. Bei Japan bin ich mir allerdings nicht so sicher.